Daria Martin, Schering Stiftung Projektraum

 

Im Trolleybus durch Vilnius

09.09.2003, Schiller-Theater-Werkstatt, Berlin | Adaption des Musicals "Linie 1" durch das litauische Keistuoliu Teatras

Obwohl das Grips-Theater schon 1986 Volker Ludwigs U-Bahn-Revue "Linie 1" zum erstenmal aufführte, hat dieses unterdessen legendäre Stück nichts von seiner Frische und Aktualität eingebüßt. Die Geschichte einer Ausreißerin aus der westdeutschen Provinz, die nach Westberlin fährt und dort mit den harten Realitäten der Großstadt konfrontiert wird, spiegelte treffend den Zeitgeist der Achtzigerjahre wider. In über 40 Sprachen wurde das Musical unterdessen aufgeführt und adaptiert.

9., 11., 12. und 13. September 2003

Im Frühjahr 2001 hatte in Litauen eine vom Keistuoliu Teatras inszenierte Bearbeitung mit dem Titel "Regel Nr. 1: Von Vilnius träumen ist verboten" Premiere. Mit Unterstützung der Schering Stiftung gastierte im September 2003 dieses "Theater der Sonderlinge" mit seiner "Taisykle Nr. 1" in Berlin. In Vilnius gibt es keine U-Bahn. Die junge Frau aus der Provinz, die sich auf der Suche nach ihrem Rockstar in die Stadt wagt, fährt mit dem Trolleybus oder durchstreift die Altstadt zu Fuß. Dabei begegnet sie diversen skurrilen Typen, den Schülerinnen Hysterika und Erika, der Flaschentaschen-Sofia, einer schwangeren Zigeunerin und natürlich den Witwen, die in der litauischen Fassung in religiöser Verklärung Stalin nachtrauern. Auf der Treppe des Standesamts findet das Mädchen dann schließlich doch noch ihren "Traummann".

In Theater der Zeit schrieb Reta Noreikaite: "Das litauische Publikum war von dem Stoff des Stückes begeistert: eine Stadt, die man erkennt, bekannte Typen, aktuelles Leben und Probleme sowie Jargon der Jugendlichen. Das Stück wurde zu der beliebtesten Inszenierung im Spielplan vom Keistuoliu Teatras." Das Keistuoliu Teatras wurde 1989 von einer Gruppe junger Schauspielabsolventen gegründet. Schon wenige Jahre später war es zum beliebtesten Kinder- und Jugendtheater Litauens geworden. Bislang 30 Uraufführungen sowie verschiedene Videofilme bezeugen den Erfolg. 200 Aufführungen pro Jahr und Tourneen im In- und Ausland finden immer wieder ein begeistertes Publikum. Auch das Gastspiel in Berlin - vor ausverkauftem Haus - fand ein äußerst positives Echo. "Wenn man auch noch nie in der Hauptstadt Litauens war", schreibt Rüdiger Schaper im Tagesspiegel, "hat man nach dieser Vorstellung doch das Gefühl, eine Menge von Vilnius gesehen zu haben: im Vorüberfahren."


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