Daria Martin, Schering Stiftung Projektraum

 

Immuntherapie im Jahr 2020. Trends und Visionen zur Bekämpfung chronisch-entzündlicher Erkrankungen

Prof. Volk, Charité, Berlin
Prof. Radbruch, German Rheumatism Research Center, Berlin
Dres. W. Doecke, K. Asadullah, Dermatology, Schering AG, Berlin

Potsdam, 22.-24. Oktober 2006

Programm als pdf

Über neue Möglichkeiten der Behandlung chronisch-entzündlicher Erkrankungen in der nahen Zukunft diskutierten international renommierte Wissenschaftler aus Deutschland, Europa und den USA vom 22. bis 24. Oktober 2006 auf einem Symposium der Schering Stiftung mit dem Titel "Immunotherapy in 2020: Visions and Trends for Targeting Inflammatory Diseases" in Potsdam. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, wie neueste Erkenntnisse aus der Forschung möglichst schnell zu einer verbesserten Diagnostik, zu neuen Medikamenten und Therapien führen können, an deren Ende möglicherweise sogar eine vollständige Heilung stehen könnte.

Viele chronisch-entzündliche Erkrankungen gehören zu den Autoimmunerkrankungen. Die Medizin versteht darunter eine Gruppe von Erkrankungen, die durch überschießende Reaktionen des Immunsystems gekennzeichnet sind. Dabei erkennt das Immunsystem eigenes Gewebe irrtümlicherweise nicht mehr als solches und beginnt, es zu bekämpfen. Die am häufigsten diagnostizierte Autoimmunerkrankung ist die Rheumatische Arthritis, aber auch Schuppenflechte, Multiple Sklerose, Typ I Diabetes, Morbus Crohn und viele andere zählen dazu.

Das Immunsystem ist ein komplexes Gefüge, das den Körper vor Gefahren durch körperfremde Stoffe und Erreger schützt. Es erkennt eindringende Bakterien, Viren, Pilze, Einzeller oder andere Erreger und bekämpft sie. Auch Veränderungen im Inneren des Körpers, die bedrohlich werden könnten, werden vom Immunsystem registriert. Einmal erkannt, baut das Immunsystem alte, abgestorbene oder krankhaft entartete Zellen, die zur Entstehung von Krebs führen können, ab. Doch was geschieht, wenn etwas schief läuft? Wie kommt es zu Entgleisungen des Immunsystems? Welche Mechanismen steuern den Verlauf der chronisch entzündlichen Erkrankungen, die den Betroffenen das Leben oft sehr erschweren? Diese Fragen beschäftigten die ca. 50 Experten aus der klinischen sowie der angewandten Forschung und der Akademie in Potsdam.

Ein großer Wunsch vieler Wissenschaftler ist nicht nur die bessere Behandlung der Symptome einer Krankheit, sondern deren komplette Heilung. Professor Andreas Radbruch, Direktor des Deutschen Rheuma-Forschungszentrums (DRFZ), Berlin, stellte in Potsdam eine viel versprechende Methode zur Behandlung von Rheumapatienten vor. Vor allem solchen Menschen, die auf die konventionellen Rheumatherapien nicht ansprechen, kann durch eine Immunoablation, bei der das komplette Immunsystem zerstört wird, geholfen werden. Was auf den ersten Blick sehr drastisch klingt, hat als Ziel, das Gedächtnis des Immunsystems zu löschen. Ist dieses ausgelöscht, wird es, durch dem Patienten vorab entnommene, körpereigene Stammzellen von Null wieder aufgebaut. "Unsere Ergebnisse stimmen uns zuversichtlich. Die überwiegende Zahl der behandelten Patienten kann als wirklich geheilt gelten und benötigt keinerlei weitere Therapie", erklärt Professor Radbruch. Jedoch ist die Zeitspanne zwischen der Auslöschung des Immunsystems und seiner langsamen Wiederherstellung aus den Stammzellen sehr gefährlich, da zeitweise keinerlei immunologischer Schutz besteht. Vorerst bleibe es daher eine Therapie für solche Patienten, denen anders nicht geholfen werden könne, sagt Andreas Radbruch.

Die Zukunft der Antikörpertherapie, deren Anwendungsmöglichkeiten von der Behandlung von Infektionskrankheiten über die Neutralisierung bestimmter Gifte, wie Spinnen- oder Schlangengift, bis hin zu Autoimmunerkrankungen und Krebs reichen, wurde von Dr. Roland Bülow, CSO von Therapeutic Human Polyclonals, Mountain View, USA, diskutiert. Vor allem den, aus den Seren immunisierter Säugetiere gewonnenen, polyklonalen Antikörpern, deren Anwendung mit Aufkommen der monoklonalen Antikörper zeitweise ein wenig außer Mode geraten war, beschied der in Amerika forschende Deutsche vielfältige Anwendungs-möglichkeiten in der Zukunft. Ihr Vorteil liege darin, diverse Antigene einer heterogenen Zellpopulation, wie sie beispielsweise von Tumorzellen produziert werden, angreifen zu können. Monoklonale Antikörper können immer nur ein Antigen einer Zellart angreifen und daher oft keine vergleichbar starke Wirkung hervorrufen.

Ein Thema, das allen Tagungsteilnehmern besonders wichtig war, ist das bessere Verständnis der immunologischen Reaktionen im einzelnen Patienten. Professor Volk von der Charité, Berlin, berichtete über Fortschritte in der Transplantationsmedizin. "Im Allgemeinen behandeln wir Patienten mit Autoimmunerkrankungen oder Transplantationspatienten nicht optimal. Oft erhalten alle Patienten, zumindest initial, die gleiche Therapie. Das Körpergewicht ist der einzige Indikator für die Dosierung, und dann wundern wir uns, dass etwa ein Drittel aller Patienten schlecht oder gar nicht auf die Therapie ansprechen." So wird nicht nur wertvolle Zeit vergeudet, in der sich das Krankheitsbild verschlechtern kann, sondern auch Geld, denn falsche Therapieansätze verursachen unnötige Kosten. Doch wie können die heutigen Behandlungsmethoden verbessert werden? Zu den hoch favorisierten Kandidaten aller Symposiumsteilnehmer zählen die Biomarker. Biomarker sind körpereigene Moleküle, anhand derer sich der Verlauf einer Krankheit und deren Behandlung verfolgen lässt. Die Experten glauben, dass durch die Entdeckung möglichst aussagekräftiger Biomarker in naher Zukunft schon nach wenigen Tagen oder Wochen, je nach Krankheit ist die Reaktionszeit unterschiedlich, ein Therapieerfolg vorhersagbar würde. Für einige Erkrankungen, wie beispielsweise die Rheumatische Arthritis oder bei Organtransplantationen, gibt es derartige Marker bereits jetzt. "Damit können wir schnell und sicher erkennen, ob eine Therapie anschlägt oder nicht", erklärt Hans-Dieter Volk. Der Direktor des Institutes für Medizinische Immunologie der Charité will so auch die Dosis der Medikamente, die zur Verhinderung bzw. Unterdrückung von Abstoßungsreaktionen infolge einer Organtransplantation gegeben werden, auf das individuell Notwendige senken. Das würde die zum Teil starken Nebenwirkungen dieser Therapien für die Patienten reduzieren und auch Geld sparen. Schon bald sollen diese Verfahren zur genaueren Diagnose und daraus abgeleiteter individueller Medikation breit angewandt werden.

Den Abschluss des Symposiums bildeten "break-out discussions" - Gruppendiskussionen, in denen ein Brainstorming in kleinem Rahmen stattfand. "Der Blickwinkel konnte erweitert und für die Erkenntnisse der "Anderen" geöffnet werden. So konnten sich die Praktiker aus der Klinik, die Wissenschaftler aus der angewandten Arzneimittelforschung und die Akademiker aus Universitäten und Forschungsinstituten frei austauschen", sagt Dr. Wolf-Dietrich Döcke, Mitorganisator des Symposiums und Mitarbeiter der Entzündungsforschung der Schering AG. Neue Ideen wurden diskutiert und Horizonte erweitert. Am Schluss waren sich Akademiker, Kliniker und Forscher aus der Industrie über Eines einig: Nur durch enge Zusammenarbeit aller am Forschungs- und Entwicklungsprozess Beteiligten sowie intensive Diskussionen, wie auf diesem Symposium, können entscheidende Fortschritte hin zu einem besseren Verständnis komplexer Krankheiten, wie der Autoimmunerkrankungen, erzielt werden.

Die Ergebnisse des Symposiums werden beim Springer Verlag publiziert und sind im Buchhandel erhältlich. Die Reihe "Wissenschaftliche Symposien" der Schering Stiftung wird vom 15. bis 17. November 2006 mit einem Workshop zum Thema "Cancer Stem Cells: Novel Concepts and Prospects for Tumor Therapy" fortgesetzt.

Die Schering Stiftung wurde im Herbst 2002 von der Schering AG errichtet. Hauptzweck der gemeinnützigen Stiftung ist die Förderung von Wissenschaft und Kunst. Die Schering Stiftung will Vorbilder aufzeigen, um Inspiration zu geben, und zeichnet Menschen und Institutionen aus, die Pionierarbeit geleistet und Maßstäbe gesetzt haben. Richtungsweisende Arbeiten aus Kunst und Wissenschaft will sie sichtbar machen und bewahren helfen. Grenzen überschreiten, um Horizonte zu erweitern ist das Ziel, das sie mit der Förderung von grenzüberschreitenden Projekten und dem Austausch von Wissenschaftlern und Künstlern verfolgt. Um den Nachwuchs zu fördern und Entwicklung zu ermöglichen, unterstützt die Stiftung besonders begabte junge Wissenschaftler und Künstler durch die Vergabe von Preisen und Stipendien und bietet Workshops und Programme zu Themen jenseits der rein fachlichen Ausbildung an. Indem sie Kindern und Jugendlichen Einblicke in die Forschung gewährt und sie an kulturelle Fragestellungen heranführt, will sie die Jugend begeistern, um Interesse für Wissenschaft und Kultur zu stärken.

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