On the Far Side of the Marchlands - Ausstellung in der Schering Stiftung

 

Ernst Schering Preis 2003

Prof. Dr. Svante Pääbo

Material von ausgestorbenen Organismen aus dem Pleistozän, wie Höhlenbär, Mammut und Neandertaler, sowie von heute lebenden Spezies nutzt Professor Svante Pääbo, Direktor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, um den Verlauf der genetischen Evolution der Menschen aufzuklären. Seine bahnbrechenden Forschungsarbeiten werden von der Schering Stiftung mit dem Ernst Schering Preis 2003 ausgezeichnet. Mit 50.000 Euro zählt dieser zu den höchst dotierten deutschen Forschungsauszeichnungen. Die feierliche Preisübergabe erfolgt am 26. September 2003 im Königlichen Schloss in Warschau, Polen.

Am 16. September findet dazu ein Pressegespräch am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig statt: Prof. Pääbo wird über seine Forschungsergebnisse zur Evolution des humanen Genoms berichten und neue Daten zur Entwicklung unseres Geruchssinns vorstellen. So sind nach neuester Erkenntnis beim Menschen im Vergleich zum Schimpansen nur noch zwei Drittel der für den Geruchssinn verantwortlichen Gene funktionsfähig.

Svante Pääbo hat modernste Verfahren der Molekulargenetik in die Paläontologie eingeführt und gilt als Begründer der Paläogenetik. Mit seinen hervorragenden Forschungsergebnissen leistet Pääbo einen wichtigen Beitrag zur Erweiterung unseres Wissens über die Vor- und Frühgeschichte des Menschen, konnte Verwandtschaftsbeziehungen zwischen ausgestorbenen und lebenden Arten nachweisen und erste Aussagen über die Evolution verschiedener Organe und Verhaltensmerkmale treffen.

Erstmalig gelang Pääbo die genetische Analyse von Material eines über 30.000 Jahre alten Neandertaler-Skeletts. Die Ergebnisse des Vergleichs der Mitochondrien-DNA des Neandertalers mit der heute lebender Menschen zeigen, dass der Neandertaler eher ein Seitenzweig als ein direktes Bindeglied innerhalb der menschlichen Evolution darstellt. Pääbo betont: "Dies schließt nicht aus, dass der Neandertaler einige Gene des modernen Menschen beeinflusst hat, aber eine bedeutende genetische Vermischung zwischen beiden Gruppen ist unwahrscheinlich. Bereits vor etwa 600.000 Jahren müsste ein gemeinsamer Vorfahr von modernem Mensch und Neandertaler gelebt haben."

Bei der Betrachtung der genetischen Geschichte unserer Spezies tritt immer wieder die Frage auf, mit wem wir uns eigentlich vergleichen sollen. Die Daten Pääbos untermauern, dass unsere nächsten Verwandten die Schimpansen sind. Unser Erbgut unterscheidet sich von dem der Affen-Spezies nur um etwa 1,2 Prozent, das heißt, genetisch sind wir zu 98,8 Prozent Schimpanse. Aber was bedeuten knapp 99 Prozent identische DNA?

Fasziniert von dieser Frage, beschäftigt sich Pääbo seit fünf Jahren mit den genetischen Ursachen der Unterschiede zwischen Schimpanse und Mensch sowie zwischen Neandertaler und unserer Spezies. Da vor allem im kognitiven Bereich die Differenzen ausgeprägt sind, analysieren die Experten, wie die Gene in Gehirn-, Leber- und Blutzellen bei Mensch, Schimpanse, Orang-Utan und Rhesusaffe an- bzw. abgeschaltet werden. Dabei ist die Anzahl der Gen-Kopien (Boten-RNA), die von jedem einzelnen Gen in den Geweben erstellt werden, von großem Interesse. Pääbo und sein Team konnten nachweisen, dass im menschlichen Gehirn mehr Änderungen stattgefunden haben als im Gehirn des Schimpansen. Das heißt, der Mensch ist im Verlauf der Evolution dazu übergegangen, seine Gene besonders im Gehirn anders zu nutzen.

Auch die Evolution der Sprache ist ein wichtiger Forschungsschwerpunkt Pääbos. Dabei arbeiten die Leipziger Wissenschaftler mit dem Gen FOXP2, das eine notwendige Vorbedingung der menschlichen Sprechfähigkeit darstellt. Die Experten analysierten die Basensequenz des menschlichen FOXP2-Gens und verglichen diese mit der Sequenz des gleichen Gens bei Menschenaffen, Rhesusaffen und Mäusen. Pääbo und seine Gruppe konnten kaum Unterschiede zwischen den untersuchten Tierarten ermitteln, sodass die evolutionäre Veränderung von FOXP2 sehr zäh verlaufen sein muss. Das Genprodukt von FOXP2 besteht aus 715 Aminosäuren. Die Maus-Version des Genprodukts unterscheidet sich nur durch drei, die Schimpansen-Version sogar nur durch zwei Aminosäuren von jener des Menschen. Die Forscher um Pääbo spekulieren nun, dass die kleinen evolutionären Veränderungen in FOXP2 wichtig für die Entstehung unserer hochartikulierten Sprache waren, da diese Abweichungen den Menschen in die Lage versetzt haben könnten, die feinmotorischen Kompetenzen im Mund und Kehlkopf zu erwerben, die Voraussetzung für die menschliche Sprechfähigkeit sind.

Auf der Suche nach den Unterschieden zwischen Mensch und Schimpanse analysiert Pääbo mit seinen Wissenschaftlern systematisch jene Gene, die für Sinneswahrnehmungen wichtig sind. Bei der Analyse der für den Geruchssinn verantwortlichen Gene konnten die Leipziger Experten inzwischen erstmals nachweisen, dass beim Menschen im Vergleich zum Menschenaffen ein Drittel dieser Gene funktionsunfähig geworden ist. Dabei ist die Inaktivierung der Geruchsgene ein fortlaufender, noch nicht abgeschlossener Prozess. Ist unsere Spezies also auf dem Weg, ihren Geruchssinn zu verlieren?

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