Daria Martin, Schering Stiftung Projektraum

 

Symposium “Making worlds // Fare mondi” – ein Bericht

30.06.2009, Berlin/ Venedig | Am 4. Juni 2009, während der Eröffnung der 53. Venedig Biennale veranstaltete die Association of Neuroesthetics (AoN) zusammen mit der Schering Stiftung und der Marino Golinelli Foundation ein Symposium in der Bibliothek der Peggy Guggenheim Stiftung in Venedig. Eine ausgewählte Gruppe von Neurowissenschaftlern, Künstlern und Kritikern war geladen die Möglichkeiten der Kommunikation zwischen Neurowissenschaft und Kunst zu diskutieren, unter Berücksichtigung der der neuesten interdisziplinären Ansätze

Daniel Birnbaum stellte die diesjährige Biennale unter das Motto: “Fare Mondi”// Making Worlds,” und erklärte dazu: „Dieser Titel drückt meinen Wunsch nach Betonung des Schaffensprozesses aus. Ein Kunstwerk stellt eine Vision, eine Vorstellung von der Welt dar, und genau genommen bedeutet dies die Schaffung einer Welt.

Neurowissenschaftler andererseits sind zu dem Schluss gekommen, dass ihr Studienobjekt, das Gehirn, kein passiver Chronist dessen ist, was in der Außenwelt passiert, sondern ein aktiv Beteiligter, der die Welt, die wir erfahren, mit gestaltet. Sowohl der neuronale Prozess, der einzigartige subjektive Erfahrungen in Gang setzt, als auch die künstlerischen Produkte sind beteiligt und eng verwoben in der fortwährendem Neuerschaffung der Realität. Somit war der Titel der diesjährigen Biennale der ideale Ausgangspunkt für das Symposium.

Der Gesprächskreis des AoN näherte sich dem Thema in einer dreistündigen Diskussionsrunde:

Alexander Abbushi, Direktor der AoN, führte in die Veranstaltung ein, indem er die Association of Neuroesthetics und ihre Mission, auf eine neue gemeinsame Sprache zwischen zeitgenössischer Kunst und Neurowissenschaft hinzuarbeiten, vorstellte und den Gästen und Sponsoren dankte. Heike Catherina Mertens, Vorstand Kultur der Schering Stiftung, und Marino Golinelli, Präsident der Golinelli Stiftung, drückten ihren Wunsch aus, sich an einem derartigen Projekt zu beteiligen.  Die erste Diskussionsrunde des Symposiums startete mit einer Präsentation der Künstlerin Pae White, die ihr Werk mit Abbildungen ihrer neuesten Installationen und Projekte vorstellte. „Alles, was ich tun kann, ist mein Werk vorzustellen und mir die Fragen anzuhören, die von den Wissenschaftlern zu meiner Arbeit gestellt werden“. emir Zeki, Professor für Neuroästhetik am University College of London, konzentriert sich bei seiner Arbeit auf die Kapazitäten des Gehirns einzelne Elemente zu verbinden.

„Seit einem Jahrhundert – seit 1860, als der visuelle Cortex entdeckt wurde, bis 1970, vermutete man in der Neurobiologie, dass das Sehen ein unitärer Prozess war. Nun wissen wir, dass, ganz im Gegenteil, viele einzelne Prozesse zusammen das einheitliche Resultat der Wahrnehmung eines Bildes ausmachen. Künstler sind dazu im Stande, die Einzelheiten als auch die Gesamtheit zu betrachten und sie haben die Gabe, dieses Spezielle in das Ganze einzubringen.“ Der Dialog mit Pae White drehte sich vor allem um die Analyse des kreativen künstlerischen Aktes, die mögliche Verbindung vieler unterschiedlicher Teile. „Ich erdenke mein Werk als immer mit etwas Spekulativem verbundenes, und ich mag es, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. Die Komponenten Überraschung und Zufälligkeit sind für mich sehr wichtig.“

Die zweite Diskussionsrunde drehte sich hauptsächlich um die Theorie von Spiegel-Neuronen und die Auswirkungen verkörperter Wahrnehmung. Vittorio Gallese, Professor für Human-Physiologie und Mitglied des Parma-Teams, das diese sehr speziellen Nervenzellen entdeckt hat, gab eine klare Demonstration dessen, was die Neurowissenschaft zur Kunst beitragen kann.

“Was meiner Meinung nach von der Neurowissenschaft zum Verständnis der ästhetischen Wahrnehmung beigetragen werden kann, ist die Wiederentdeckung der Rolle des aktiven Körpers bei der Intersubjektivität, sogar wenn die Intersubjektivität bei den vermittelten Formen der Kunstwerke eine Rolle spielt.“

An die Theorie der Practognosia von Merleau-Ponty erinnernd, unterstrich Gallese die Tatsache, dass wir körperliche “Selbst” sind und dass unsere Wahrnehmung der Welt mit unserem motorischen System und dem somasensorischen Teil unseres Gehirns zusammenhängt. David Freedberg, Kunsthistoriker und Direktor der Italian Academy for Advanced Studies in America, war der Meinung, “was uns berührt, wenn wir Kunst betrachten, ist nicht ihre Schönheit” – seiner Meinung nach ist es nicht möglich, heute in der Kunst noch von Schönheit zu sprechen – „sondern die Art und Weise, wie unser präfrontaler Cortex umgekehrte Reaktionen verarbeitet, Reaktionen, die aus der limbischen Region kommen und mit motorischen Reaktionen zu tun haben. Wodurch die Neurowissenschaft uns bei unserem Wunsch, die Ästethik zu verstehen, helfen kann, ist der Blick auf die Verbindung zwischen prä-motorischem Cortex und den präfrontalen Zonen.“   Die dritte Diskussionsrunde des Forums wurde von Christine Macel, Davide Balula und Ernst Pöppel bestritten. Macel stellte gleich zu Beginn heraus: “Kunst kann nicht auf eine ästhetische Erfahrung reduziert werden. Ein Kunstwerk hat eine Bedeutung, die über die Formen und Farben, die wir daran wahrnehmen, hinausgeht.“ Der Überblick über das Werk des jungen Künstlers Davide Balula diente als Beispiel, um darzustellen, wie viel heute notwendig ist, um wieder zu definieren, was eine ästhetische Erfahrung von Kunst ist. Nicht leicht zu definieren ist die Erstellung von Kunstwerken, die sich seit der Renaissance entwickelt hat. Das Verständnis derselbigen heißt nicht nur, sich mit der Betrachtung zu befassen, sondern auch mit der Vorstellung von Ideen und der Vielfältigkeit an Beutungen. Der Neurowissenschaftler Ernst Poeppel, Professor für medizinische Psychologie in München, schloss das Symposium, indem er den Kreis für Literatur, Musik und andere Kunstformen, die nicht allein sichtbar sind, öffnete und sprach über die Wichtigkeit von anthropologischen, allgemeingültigen Eigenschaften.   Die Probleme und Risiken eines Reduktionismus wurden während des Symposiums durchgehend von den geladenen Neurowissenschaftlern und Künstlern angesprochen. Das Symposium diente der Weiterentwicklung des Dialogs zwischen Neurowissenschaft und Kunst und als Ausgangspunkt für verschiedene neue Interaktionen der beiden Bereiche.


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