Ivana Franke

 

Fördersysteme für Künstlerische Forschung gefordert

Künstlerische Forschung hat eine lange Tradition und eine differenzierte gegenwärtige Praxis. In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich eine Vielzahl neuer Formen der künstlerischen Arbeit entwickelt – kollaborative Formate, lebendige Archive, dokumentarische Performances und viele andere Strategien der Wissensgenerierung. Zahlreiche künstlerische Institutionen begreifen sich auch als Forschungsinstitutionen, zahlreiche Künstlerinnen und Künstler als Forschende. Das Resultat der zweitägigen Tagung „Forschung in Kunst und Wissenschaft. Herausforderungen an Diskurse und Systeme des Wissens“ mit dem Performance-Programm „On Research“, die im Mai im Haus der Kulturen der Welt stattfanden, ist ein Thesenpapier, das die Schaffung eines Pilotprojektes zu künstlerischer Forschung einfordert.

On Research | Xavier Le Roy | Product of Circumstances, 1999 |© Katrin Schoof

Ziel des Projekts soll die Definition von Kriterien und Vergaberichtlinien sein, die es ermöglicht künstlerische Forschung in die bisher bestehenden Fördersysteme als eigenständige Projektdefinition einfließen zu lassen. Die gesellschaftliche Relevanz künstlerischer Forschung soll thematisiert und hervorgehoben werden, so einer der Grundgedanken der Konzeptgruppe, der Prof. Dr. Gabriele Brandstetter (Freie Universität Berlin), Sigrid Gareis (Akademie der Künste der Welt), Heike Catherina Mertens (Schering Stiftung) sowie Prof. Dr. Bernd Scherer (Haus der Kulturen der Welt) angehören; Coaches: Dr. Sibylle Peters (FUNDUS Theater Hamburg) und Prof. Dr. Beatrice von Bismarck (Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig).

Zu den Strategien, die in diesem Prozess entwickelt wurden, gehören viel beachtete Paradigmenwechsel, wie der performative turn, educational turn, documentary turn, participatory turn und der curatorial turn, die in den letzten Jahren die Diskurse in den Künsten bestimmt haben. Die für diese turns relevanten Verfahren sind besonders in den künstlerischen Praktiken ausgebildet, die sich als Forschung (artistic research) artikulieren. Gleichzeitig haben sie die Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe an Wissensprozessen spürbar verbessert.

Vor diesem Hintergrund ist künstlerische Forschung zum einen in der Lage, unterschiedlichste Formen von Wissen (auch embodied/tacit knowledge, minoritäres Wissen, Erfahrungswissen) in Forschungsprozessen und ihren Resultaten produktiv zu machen. Zum anderen kann sie die Medialität der Wissenschaften selbst zeigen und hinterfragen.

Künstlerische Forschung kann flexibel auf gesellschaftliche Problemstellungen reagieren. Sie produziert Versuchsanordnungen und Experimentierräume für aktuelle gesellschaftliche Auseinandersetzungen, eröffnet alternative/utopische Perspektiven, ordnet kulturelle und historische Kontexte, ermöglicht Teilhabe auch für Akteurinnen und Akteure, deren Stimmen andernfalls zu wenig Gehör finden würden.

Vorschlag für das Konzipieren einer Pilotphase

1. Angelehnt an bestehende Erfahrungen anderer Länder, wie beispielsweise in der Schweiz und in Österreich soll eine Steuerungsgruppe eingesetzt werden, der zum einen Künstlerinnen und Künstler und zum anderen Fachberaterinnen und Fachberater aus
Kunsthochschulen, Universitäten und kulturellen Einrichtungen angehören. Ihre Aufgaben umfassen die Erarbeitung der Kriterien für die Ernennung der Gutachterinnen und Gutachter und der Verfahren für die Vergabe von Fördermitteln.

2. Die Entwicklung von Kriterien zur Begutachtung von Förderanträgen ist Bestandteil der Pilotphase.

3. Antragsberechtigt sollten Personen mit einer künstlerischen Kompetenz sein, die der Qualifikation einer Promotion vergleichbar ist, in Anbindung an künstlerische, kulturelle oder wissenschaftliche Institutionen.

Thesenpapier zum Download

Die beteiligten Institutionen

Im Januar 2005 aus Mitteln des Leibniz-Preises von Gabriele Brandstetter gegründet, betreibt das Zentrum für Bewegungsforschung (ZfB) seit sieben Jahren Grundlagenforschung zu einem weiten Spektrum von Bewegungsphänomenen. Als eigenständige, aus Drittmitteln geförderte Einrichtung mit Sitz am Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin fördert das ZfB besonders die Verbindung wissenschaftlicher und künstlerischer Zugänge. Die Arbeiten am ZfB gehen aus den in Tanzwissenschaft, Theaterwissenschaft und Performance Studies entwickelten theoretischen Ansätzen zu Beobachtung, Aufzeichnung, Beschreibung, Notation, Choreographie und Selbstorganisation von Bewegung hervor. In zahlreichen Kooperationen werden diese Ansätze im Dialog mit verschiedenen Disziplinen erprobt – u. a. Philosophie, Soziologie, Anthropologie, Literaturwissenschaft, Medienwissenschaften, Kunstgeschichte, Neurobiologie und -psychologie, Physik, Wirtschaftswissenschaft, Politikwissenschaft, Meteorologie. Ein für Bewegungsanalysen und experimente speziell ausgerüstetes DanceLab ermöglicht die enge Zusammenarbeit mit internationalen Choreograph/innen und Tänzer/innen. Forschungsergebnisse des ZfB wurden auf bislang über 20 internationalen Kongressen und Kolloquien präsentiert. Hinzu kommen Workshops und Aufträge für Performances und andere künstlerische Arbeiten.

Das Haus der Kulturen der Welt geht in all seinen Projekten diesen wesentlichen Fragen der Kunst- und Kulturproduktion auf den Grund. „Animismus“ legt offen, wie komplex die Grenzziehungen des modernen Weltbilds sind, das biennale Festival “BERLIN DOCUMENTARY FORUM 2“ hinterfragt die Darstellungsweisen der Medien, der Kunst und der Fotografie und ihre Fähigkeit, Wahrheit und Authentizität herzustellen. Das internationale Kuratorennetzwerk SYNAPSE bringt Nachwuchskuratoren, die an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft arbeiten, zusammen. Mit dem Langzeitprojekt „Aufbruch ins Anthropozän“ wird am Haus der Kulturen der Welt 2013/2014 erstmals das Menschenzeitalter aus Sicht der Kultur erforscht.

Die Schering Stiftung fördert seit ihrer Gründung im Jahr 2002 den Dialog zwischen den Disziplinen – insbesondere zwischen den Naturwissenschaften und der Bildenden Kunst. In kleineren Gesprächsforen werden Fragen zu Methoden und Arbeitsweisen sowie der inhaltliche Dialog zu gesellschaftlich relevanten Fragen diskutiert. Seit 2009 zeigt die Schering Stiftung in ihrem Projektraum für Kunst und Wissenschaft Unter den Linden Ausstellungen zeitgenössischer Künstler, die sich interdisziplinären Themen widmen und durch ihre künstlerische Praxis forschend tätig sind. Begleitet werden die Ausstellungen von wissenschaftlichen Vorträgen. Die Schering Stiftung fördert darüber hinaus inter-disziplinäre Projekte anderer Institutionen wie z.B. den Kuratorenworkshop SYNAPSE am HKW oder aktuell "Die Große Weltausstellung" vom HAU, das Symposium „The Art of Listening“ am Radialsystem V, die „Anatomiestunden“ im Rahmen der berlin biennale sowie "BIOS - Konzepte des Lebens in der zeitgenössischen Skulptur" im Georg-Kolbe-Museum.

Eine Initiative von
Freie Universität Berlin (Zentrum für Bewegungsforschung am Institut für Theaterwissenschaft der Freien Universität Berlin)
Haus der Kulturen der Welt
Schering Stiftung

Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Schering Stiftung.

Projektraum

Anschrift: Unter den Linden 32-34 | 10117 Berlin Öffnungszeiten während der Ausstellungen:Donnerstag – Montag, 13–19 Uhr | Eintritt frei Seit 2009 zeigt die Schering Stiftung im ...

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