Ivana Franke

 

MIRROR IMAGES - Spiegelbilder in Kunst und Medizin

11.11.2015, Berlin | Spiegel erweitern unseren Sinn für Realität und erlauben uns die Beobachtung des eigenen Körpers. Während wir von allen Menschen unvermittelt gesehen werden können, ist dies für uns der einzig mögliche Blick auf uns selbst: gespiegelt, fotografiert, gefilmt oder porträtiert. Die Ausstellung MIRROR IMAGES – Spiegelbilder in Kunst und Medizin vereint künstlerische Arbeiten sowie wissenschaftliche Experimente und Objekte, die sich mit der Art und Weise auseinandersetzen, wie wir unseren eigenen Körper im Raum wahrnehmen. Die Ausstellung ist ab November 2015 im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité und im Projektraum der Schering Stiftung zu sehen.

MIRROR IMAGES

Der Spiegel steht gleichzeitig für die Trennung und Verbindung von Subjekt und Objekt sowie der Welt des Physischen und Virtuellen. Der Blick in den Spiegel konfrontiert uns mit der Erkenntnis „Dieses andere Individuum bin ich selbst“. Neurowissenschaftler beschreiben diesen Augenblick als Entkörperung – der gedankliche Vorgang, in dem wir unsere physischen Grenzen überschreiten und unsere Physiognomie auf einen äußeren Körper projizieren. Typischerweise werden auch die Fläche eines Bildes, die Oberfläche einer Fotografie oder eine Filmleinwand visuell wie die metaphorische Grenzzone eines Spiegels oder Fensters zu einer erweiterten Dimension wahrgenommen. Künstlerinnen und Künstler können uns dazu bewegen, durch diese Flächen hindurch- und in ihre jeweiligen Gedankenräume hineinzutreten.

Fotografien und bewegte Bilder sind komplexe Nachkommen des Spiegels: Sie sind ebenfalls in der Lage, Reflexionen aufzuzeichnen, zu verlängern und zu wiederholen. Insbesondere die Videotechnik regt seit ihrem Aufkommen in den späten 1960er Jahren die künstlerische Erforschung des eigenen Selbst an. Pioniere wie Dan Graham und Vito Acconci begannen schon damals die Rollen von Akteuren und Publikum, Objektivität und Subjektivität, Öffentlichkeit und Privatheit umzukehren. In der Medizin können Spiegel und optische Täuschungen zu therapeutischen Zwecken eingesetzt werden. So lassen sich Amputierte mit ihrer Hilfe von Phantomschmerzen heilen, indem ein gesundes Körperteil gespiegelt und an die Stelle des fehlenden Gliedes projiziert wird. Die Theorie der sogenannten Spiegelneuronen ist für uns Menschen gleich mehrfach bedeutsam: Die Nervenzellen im Gehirn werden beim bloßen Betrachten einer Handlung in demselben Muster aktiviert, als wenn wir selbst handeln würden. Spiegelneuronen bringen uns zum Gähnen, versetzen uns aber auch generell in die Lage, Handlungen anderer Menschen nachzuahmen und uns in Mitmenschen einzufühlen. Daher spielen sie in Lernprozessen wie auch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt eine wichtige Rolle.

Reflexionen, Spiegelbilder, Doppelgänger und Zwillinge, Symmetrie, Umkehrungen und vereinte Gegensätze, virtuelle Realität und das Unendliche: All diese Qualitäten werden Spiegeln zugeschrieben – und von Künstlerinnen, Künstlern und Neurowissenschaftlern in den Ausstellungen thematisiert.

Kuratorin: Alessandra Pace
Wissenschaftliche Beratung: Dr. Andrew Wold
Beteiligte Wissenschaftler: Prof. Henrik Ehrsson, MD, PhD; Prof. Vittorio Gallese, MD

Ein Projekt in Kooperation mit dem Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité mit der Schering Stiftung, unterstützt vom Hauptstadtkulturfonds, der Schering Stiftung, dem Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité, der Jungen Akademie der Akademie der Künste, Berlin, Iaspis sowie dem Italienischen Kulturinstitut Berlin.

Ausstellungen MIRROR IMAGES - Spiegelbilder in Kunst und Medizin

Berliner Medizinhistorisches Museum der Charité
Charitéplatz 1, 10117 Berlin, Geländeadresse: Virchowweg 16
Laufzeit: 13. November 2015 – 3. April 2016
Künstlerinnen und Künstler: Vito Acconci, William Anastasi, Christian Andersson, John Baldessari, Attila
Csörgõ, Marta Dell’Angelo, Annika Eriksson, Thomas Florschuetz, Adib Fricke, Hreinn Friðfinnsson, Dan Graham,
Sabina Grasso, Carla Guagliardi, Dalibor Martinis, Jorge Macchi, Bjørn Melhus, Richard Rigg, u. a.

Projektraum der Schering Stiftung
Unter den Linden 32-34, 10117 Berlin
13. November 2015 – 23. Januar 2016
Künstler: Otavio Schipper/Sergio Krakowski

Alessandra Pace ist Kunsthistorikerin, Kuratorin und Beraterin für zeitgenössische Kunst mit Schwerpunkt Wissenschaft und Medizin. Sie studierte Kunstgeschichte am University College London und am Courtauld Institute London und absolvierte anschließend ihre Ausbildung zur Kuratorin im Magasin, Centre National d’Art Contemporain de Grenoble. Alessandra Pace hat Projekte in der Neurochirurgie und Ausstellungen für internationale Institutionen realisiert – darunter Einzelausstellungen mit Künstlern wie Chen Zhen, Tony Cragg oder John Bock – und über 20 Ausstellungskataloge herausgegeben. Seit 1997 lebt sie in Berlin.

Dr. Andrew Wold ist ein interdisziplinärer Neurowissenschaftler. Der gebürtige Kalifornier lebt seit zehn Jahren in Deutschland. Während der letzten drei Jahre untersuchte er Körperwahrnehmung und soziale Kognition an der Berliner School of Mind and Brain. Sein Interesse gilt dem Grenzbereich zwischen Wissenschaft und Kunst und den Möglichkeiten, die dieser in der Vermittlung neurowissenschaftlicher Forschung bietet.

 

Abbildung:
William Anastasi, Maintenance III (Self-Portrait), 1968/98, Platindruck; © William Anastasi


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